Home Informationen Diskussion Eigene Texte Kontakt Impressum

Diskussionsfaden 001

Thema: Fragen zu Gehirn und Bewusstsein

 

23.10.03: Daniel: Fragen

Anlass für meine jetzige e-mail ist die Sendung``hitec`` auf 3sat gewesen. In dieser Folge ging es um den Geist und um das Selbstbewußtsein des Menschen. Es wurden verschiedene Forscher (Neuro-physiologen, Kognitionsforscher,Philosophen...) zu diesem Thema befragt. Ist das Selbsbewußtsein wirklich eine evolutionsbedingte emergente Eigenschaft der Materie? Ist es allein auf neuro-chemische Reaktionen im Gehirn des Menschen reduzierbar? Was sagt uns der Buddhismus zu diesem Thema? Ich habe schon von den verschiedenen Einteilungen in verschiedene Bewusstseinsebenen im B. gelesen (grob,subtil und sehr subtil). Ich habe es so ver-standen, dass das grobe Bewußtsein von den Hirnvorgängen abhängig ist. Aber was führt der B. für Argumente an, dass das subtile und sehr subtile Bewußtsein über die Hirnvorgänge hinausgehen? Kannst Du mir etwas dazu sagen?

Ebenfalls wurde in dieser Sendung der Bewußtseinsphilosoph Thomas Metzinger von der Universität Mainz befragt. Ich habe in der GEO -Ausgabe ``Erkenntnis, Weisheit...`` schon über ihn gelesen. Er ist der Meinung, dass das ICH sowie auch die Umwelt, wie wir sie wahr-nehmen, eine Konstruktion bzw. Illusion unseres Gehirnes ist. Ich war sehr überrascht, als er über seine Faszination über den ,,besten Gedanken der asiatischen Philosophie des Geistes" nämlich der Leerheit aller Dinge und Lebewesen sprach.Kennst Du Bücher von ihm bzw. hast Du welche von ihm gelesen?

Ebenso bin ich im moment auf der Suche nach einem Buch von James H. Austin. In einem 800-seitigen Werk mit dem Titel ``Zen and the Brain`` hat er versucht die Erleuchtungserfahrung neurophysiologisch zu beschreiben. Er hat sich auch mehreren Aufenthalten in Zenklöstern unterzogen. Leider gibt es dieses Buch nur in englischer Sprache. Ich würde es gerne lesen, aber ich denke es würde mich aufgrund der Komplexität des Themas sowie auch der Übersetzungsprobleme überfordern. Hast Du etwas von diesem Buch gehört bzw.weißt Du, ob es in die deutsche Sprache übersetzt wird? Ich hoffe, dass ich Dich mit meinen Fra-gen nicht allzusehr nerve!

25.10.03: Rudi: Antwort auf die Fragen

Fangen wir mit dem Einfachsten an, der Literaturrecherche. Den Namen Thomas Metzinger kannte ich bisher nicht, danke für den Hinweis. Bei Amazon findet man unter seinem Namen zwei Bücher: einen Sammelband "Bewußtsein, Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie", der laut Klappentext eine kenntnisreiche Einführung in das Thema darstellt, und ein Buch "Subjekt und Selbstmodell", von dem eine Kundenrezension sagt, es sei interessant aber schwer verständlich. Beide Bücher würden mich interessieren, stehen aber momentan nicht auf meiner Aktionsliste. Vielleicht magst Du darüber berichten, wenn Du eines davon gelesen hast? Das wäre sehr hilfreich. Auch James H. Austin kannte ich noch nicht. Von einer deutschen Übersetzung weiß ich nichts. Bei Amazon findet man von ihm neben dem erwähnten Titel noch ein älteres Buch "Chase, Chance, and Creativity: The Lucky Art of Novelty", leider auch nur in englisch. Zur Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gehirnvorgängen und Bewusstsein könnte für Dich der Konferenzbericht "Traum Schlaf und Tod" über eine Mind-And-Life-Konferenz mit S.H. Dalai Lama, herausgegeben von Francisco Varela, interessant sein, wenn Du ihn noch nicht kennst.

Bezüglich der Einteilung in Bewußtseinsebenen kann ich nicht viel sagen. Es ist ja nicht so, als ob "der Buddhismus" eine homogene und konsistente geistige Landschaft wäre, in welcher man auf bestimmte Fragen einheitliche Antworten parat hätte. Es gibt innerhalb des Buddhismus viele verschiedene Lehrsysteme, die je ihre eigenen Unterteilungen und Erklärungen haben. Die von Dir angesprochene Unterteilung in Grade der Subtilität klingt mir so, als hätte ich sie bei S.H. Dalai Lama schon einmal gelesen. In diesem Fall kommt sie also aus dem tibetischen Buddhismus. Die Tibeter haben ja sehr genau die Vorgänge des Sterbens, der Zwischenzustände und des Wiedergeborenwerdens erforscht, und in diesem Zusammenhang sind solche Fragen wie die nach dem Zusammenhang zwischen Körper und Geist natürlich ganz zentral.

Auf die Frage nach Argumenten dafür, dass das subtile und sehr subtile Bewusstsein über die Hirnvorgänge hinausgehen, würde man allerdings aus tibetisch-buddhistischer Sicht nie und nimmer gekommen sein. Das ist eine ausgesprochen westliche Fragestellung. Der tibetische Buddhismus ist eine Variante des Mahayana, und damit teilt er auch dessen Philosophie. Für diese Philosophie war immer völlig klar, dass Materie ein vom Geist hervorgebrachtes Phänomen ist. Wenn nun S.H. von westlichen Wissenschaftlern mit neurophysiologischen Forschungsergebnissen konfrontiert wird, so ist seine Erklärung über die 3 Subtilitätsstufen vermutlich seine Art, in seiner eigenen Denkwelt einen Platz für diese westlichen Erkenntnisse zu finden, und dieser Platz ist das grobe Bewußtsein. Als vierzehntes Glied einer Dynastie, die sich ausschließich durch Wiedergeburt vererbt, hat er es wahrhaftig nicht nötig, nach Argumenten für die Unabhängigkeit des Geistes von der Materie zu suchen. Das ist so, als würde man von uns verlangen, Argumente dafür zu suchen, dass Äpfel nicht nach oben, sondern nach unten fallen. Es ist doch offensichtlich, oder?

Die westliche Wissenschaft ist vom Gegenteil überzeugt, nämlich davon, dass Geist ein von Materie hervorgebrachtes Phänomen ist. Aber schon die Einführung des Begriffs "Emergenz" ist doch nichts anderes als das Eingeständnis, dass diese Reduktion nicht gelingt. Oder hat Dir schon mal jemand vernünftig erklärt, wie diese Emergenz eigentlich funktionieren soll?

Was Du über Metzinger schreibst, weist ihn als einen Konstruktivisten aus. Der Konstruktivismus ist eine philosophische Richtung, die in den 80er Jahren, getrieben durch Einsichten aus Biologie und Kybernetik, einen Boom hatte. Ein wunderbares Buch aus dieser Zeit zu diesem Thema ist Heinz von Foerster: Sicht und Einsicht, ISBN 3-528-08468-5. Die konstruktivistische Weltsicht speist sich aus der Verwunderung über das gigantische Ausmaß der Leistung, die nötig ist, um aus den Nervenimpulsen am Rand unseres Körpers ein derart komplexes audio-visuelles Bild zu erzeugen, wie wir es ständig erleben. Die Nervenenden in Ohr und Auge nehmen nur je einen Rhythmus auf: Tack --- TackTack - Tack - TackTackTack. Die ganze Komplexität des Wahrnehmungsbildes wird aus diesen Rhythmen im Nervensystem konstruiert. Da kann man schon ins Grübeln kommen, wie denn der Zusammenhang zwischen dem, was wir sehen, und dem, was da draußen wirklich ist, beschaffen ist. Wenn man das zu Ende denkt, ist alles vom Nervensystem konstruiert, und wenn man dann noch weiter denkt, hat man ganz unversehens die erkenntnistheoretischen Grundlagen der gesamten Wissenschaft, die Biologie eingeschlossen, außer Kraft gesetzt. Das ist das Problem des Konstruktivismus. Da kann man die Begeisterung über eine Philosophie, die dieses Problem nicht hat, schon verstehen. In gewissem Sinne ist der Konstruktivismus für westliche Wissenschaftler ein hervorragender Zugang zum Madhyamika, der Philosophie der Leerheit.

Die Differenz zwischen westlichem und buddhistischen Denken ist eine metaphysische. Der Westen denkt materialistisch, der Osten denkt eher mentalistisch; aber im Grunde hält der Buddhismus die Ansicht, dass Denken überhaupt zu letztendlich gültigem Wissen führt, für falsch. Zwischen diesen Denkweisen liegt ein tiefer Abgrund, und das macht die ganze Diskussion so verdammt spannend. Zu diesen grundlegenden Fragen habe ich gerade einen neuen Text geschrieben.