Mail Ebner an Matzka, 12, 1, 2011

lieber hr.ddr.matzka!

ich lese ihre hp immer wieder mit vergnügen - auch wenn mir die logischen teile nicht immer so leicht fallen.

was die konketanation (bzw. deren kommutativität)  bei brown betrifft - hatte peirce in seinen entantive (existential) graphs etwas derartiges schon behauptet?

mit hrn. professor brodbeck, über den ich überhaupt auf ihre hp gekommen bin, pflege ich einen kleinen mailverkehr, er ist anscheinend immer wieder auf anregungen aus.

von besonderem interesse für mich aber war, und dies ist der gund meines mails ihr hinweis darauf, daß über die denotative funktion der mathematik der s-o-dualismus immer wieder reproduziert wird, egal was die intentionen des physikers auch sind.

es gibt ja bemühungen über die physik diesen dualismus zu abzuschaffen, die sich vom klassischen weg wegbewegen, so die versuche c.f. v. weizsäckers und der sonstigen it-from-bit-front  -  sind diese auch quasi als "metaversuche" zu betrachten, eher die subjektivität in der physik mathematisch darzustellen (über methoden wie pragmatische information etc., die zwar als versuche ausgegeben werden, begriffe mathematische zu fassen, aber eher eine methode darstellen, auch diese qualitativen funktionen auch noch quantitativ zu fassen und somit, wenn "wortwörtlich" genommen auch gefahr laufen, diese zu "denaturieren")?

Mail Matzka an Ebner, 16. 1. 2011

Lieber Herr Ebner,

es freut mich sehr zu hören, dass Sie meine Seite lesen, und dies auch noch mit Vergnügen. Das Echo auf meine Seite ist insgesamt nicht gerade groß.

Ja, ich glaube auch dass es derartiges schon bei Peirce gibt, habe das aber erst jüngst erfahren. Ich studiere gerade einen Sammelband zu dem Thema "Peirce and Spencer-Brown", der 2001 in der Reihe "Cybernetics & Human Knowing" herausgekommen ist (ISBN 978-1845401-054). Vor allem der Beitrag von Louis Kauffman in diesem Band ist sehr erhellend.

Weizsäcker habe ich eigentlich nicht so verstanden, dass er versucht, den Dualismus in der Physik abzuschaffen. Er markiert für mich eher den Schwenk
von der Auffassung der Physik als einer Theorie der Natur (naiver Realismus, der die Subjektseite der S-O-R ignoriert) zu einer Auffassung der Physik als Theorie einer speziellen Subjekt-Objekt-Relation. "Speziell" in dem Sinn, dass hier Objektivierung und Beherrschbarkeit des Objektbereichs das Ziel aller Bemühungen ist. Weizsäcker hat die Machtförmigkeit des physikalischen Wissens sehr tief begriffen, was ihn von vielen anderen Philosophen der Physik unterscheidet.

Die It-From-Bit-Bewegung habe ich nicht sehr genau verfolgt, aber mir scheint, dass sie von den Anfängen bei Wheeler bis heute an einer Unklarheit über den Informationsbegriff leidet. Wie immer man Information definiert, sie ist nicht denkbar ohne ein Subjekt, das sie interpretiert, also macht der Informationsbegriff immer nur innerhalb einer Subjekt-Objekt-Relation Sinn. Die Physik findet in einer Subjekt-Objekt-Relation statt, das ist aber nur von der Metaebene aus zu sehen. Das Schlagwort it-from-bit signalisiert nun aber, dass der Informationsbegriff auf der Objektebene anzusiedeln wäre. Das geht aber nur auf zwei Weisen: Entweder man substanzialisiert den Informationsbegriff, d. h. man vergisst das Subjekt und setzt Information mit Struktur gleich, oder man lässt Subjektivität auf der Objektebene zu, so dass man in der Objektebene eine oder mehrere Subjekt-Objekt-Relationen hätte. Die erstere Alternative ist ein Rückfall in den naiven Realismus, die letztere sprengt die Möglichkeiten der Mathematik. Man macht sich das aber nicht gern klar und argumentiert deshalb gern in unklaren Vermischungen von Objektebene und Metaebene. Die Ansätze unter dem Stichwort pragmatische Information, die Sie erwähnen, kenne ich nicht. Können Sie mir da vielleicht einen Lesetipp geben? Ich gehöre nämlich auch zu den Menschen, die immer auf Anregungen aus sind.

Warum lässt Subjektivität sich nicht mathematisch modellieren? Das hängt mit der Bemerkung aus dem Text über Kenogrammatik zusammen, die Sie zum Anlass genommen haben, mir zu schreiben. Die mathematische Sprache weist gegenüber der Umgangssprache zwei Besonderheiten auf: erstens ist sie regeldefinit, d. h. sie ist durch eine endliche Liste von grammatischen Regeln vollständig definiert, und zweitens ist sie vollständig auf die denotative Funktion reduziert. Auch die Umgangssprache hat grammatische Regeln, und auch für die Umgangssprache ist Denotation die primäre Funktion; das Besondere an der Sprache der Mathematik ist, dass die grammatischen Regeln so rigoros sind und dass die denotative Funktion so ausschließlich ist. Insofern ist die Subjekt-Objekt-Dualität nicht nur in der Sprache der Mathematik verankert, sondern schon in unserer Umgangssprache. Das Besondere an der mathematischenm Sprache ist, dass hier die Subjekt-Objekt-Relation zu einer disjunkten Aufteilung wird, d. h. es sind keinerlei Vermischungen zwischen Subjekt und Objektbereich möglich. Genauer: Das Subjekt der Wissenschaft kann im Objektbereich nicht vorkommen, und der Objektbereich kann keinerlei Subjektivität enthalten. Das hängt damit zusammen, dass jede Selbstreferenz zu Widersprüchen führen und damit das mathematische System sprengen würde.

Die Idee, eine Theorie zu machen, in der Subjektivität vorkommt, ist ja nicht schlecht. Die Sozial- und Kulturwissenschaften versuchen es seit vielen Jahrhunderten. Das geht aber nicht ohne Denkfiguren, die Selbstreferenz zulassen, also nicht rein logisch, nicht ohne hermeneutische oder dialektische Methoden. Deshalb sind die Sozial- und Kulturwissenschaften so sperrig, wenn es um Mathematisierung geht, und deshalb tut schon die Biologie sich schwer, Subjektivität zuzulassen, und eiert beständig um die Frage herum, ob teleologische Erklärungsmuster zulässig sind oder nicht, und müht sich mit dem "hard problem" ab, wie das menschliche Bewusstsein aus einem ziellosen Evolutionsprozess heraus entstanden sein könnte. Die wissenschaftspolitisch interessante Frage ist deshalb aus meiner Sicht, ob Hermeneutik und Dialektik sich methodisch präzisieren lassen, so dass sie in ihrer Argumentationskraft mit der Mathematik mithalten können, ohne sich jedoch in den Fallen der Formalisierung zu verheddern. Deshalb interessiere ich mich für Gotthard Günther, der nach Formelementen jenseits des Identitätsprinzips sucht. Ebenso wichtig wie die Transzendierung des Identitäsprinzips ist jedoch eine Änderung der wissenschaftlichen Motivation. Die Motivation der Suche nach Macht muss durch eine Motivation der Suche nach Wahrheit abgelöst werden. Dazu müssten wir zuerst einsehen, dass die Suche nach Macht und die Suche nach Wahrheit einander ausschließen. Das habe ich vom Buddhismus gelernt. Die Physik sucht nach Macht, und wiegt sich in der Illusion, sie würde nach Wahrheit suchen.

Mail Ebner an Matzka, 16. 1. 2011

eingangs für ihre sehr ausführliche antwort und entschuldigung für meine angewohnheit, die allg. kleinschreibung in email zu pflegen - ich pers. denke, daß der kontext ausreicht, um adj., gerundiva, substantive etc. voneinander zu trennen.

und damit wären wir in ja schon in medias res, nat. braucht sprache allg. jemand der sie denkt und nat. wird andauernd (der von heidegger abwärts von fast allen philosophen bemängelte) weltbeherrschungsaspekt der referenz und sein derivat, die kommunikation in den mittelpunkt gestellt und darüber alle andere funktion vergessen - oder gar, siehe popper, carnap etc. eher verwendet, den gegner in ein dichterisch-"metaphysisches" eck zu stellen, darüber sei uns einfach einigkeit unterstellt.

leider wird es aber trotzdem in unserer diskussion eine gewisse asymmetrie geben - sie sind in den geistes- und naturwissenschaften bestens bewandert - ich hingegen habe mir meinen naturwissenschaftlichen denkweg über sehr steiniges gelände erwandern müssen.

weizsäcker, den übergangenen giganten, habe ich so verstanden, daß bei ihm materie und bewußtsein form (also eidos) sind - die gesamte theorie aus `zeit und wissen`, welches ich ihnen ans herz legen würde, darzulegen würde aber meine fähigkeiten und zeit gleichermaßen überanstrengen.
in kürze findet sich dort aber auch eine darstellung der prag. information, eine längere in `der aufbau der physik` - ernst ulrich v. weizsäcker hat die entscheidenden passagen erarbeitet.
unklar ausgedrückt habe ich mich, was weizsäckers intention betrifft: wie bei platon ist bei ihm das eidos arche, also beherrschendes prinzip, dies ist aber auf sehr subtile weise aufgelöst - er wendet sich in vielerlei hinsicht gegen den s-o-d, aber nur weil er diesen ontologisch auflöst kommt er methodologisch nat. nicht von diesem weg; aber immerhin, wie sie sagten, er nimmt ihn dezidiert in die theorie auf.

zeit und wissen wird somit allg. auch als wichtiger beitag von it-from-bit seiten gesehen, eben auch weil der informationsbegriff nicht als 3. prinzip neben materie und energie steht o.ä. - information ist form.
die rückkehr der formursache in die wissenschaft wird dort sehr bewußt erkannt und auch eben brauchbar aufgearbeitet, finitäre ansätze unter dem schema der zetlichkeit gedeutet.

am besten wäre wohl das 100-seiten reclamheftchen 'ein blick auf platon', das wirklich sehr einfach die wichtigsten ansätze anreißt.

prof. brodbeck kommt die ehre zu in seinem 'zirkel des wissens' die gefahren einer solchen verdinglichung aufgearbeitet zu haben, besonders, was das "melken dieser informationsmilch" für eine rückkehr in auch unheilsame denkmuster bedeuten könnte - nämlich bis weit in die geisteswissenschaften hinein (zb in der diskurstheorie) schon vollzogene - hiezu ist sein gratis erhältliches e-book zu ethik und moral sehr erhellend.

insgesamt sind zeit und wissen wie der zirkel des wissens die erleuchtendsten bücher, die ich seit langem gelesen habe.

was die subjektivität in der wissenschaft/mathematik betrifft:  da habe ich eher bedenken.
brodbeck referiert auf schleiermacher, wenn er sagt, daß die (formale) logik das schon "ertötete" überbleibsel, quasi der leichnahm, der tatsächlichen denk- und diskursbewegung (wenn man will, von dialektik und dianoia) sei; und die erlanger schule hat mit ihren diskussionsspielen statt kalkülen ja irgendwie den beweis dafür ja sogar vorweggenommen.
g.günther dürfte da vor demselben problem stehen: bedeutung ist prozeß ihrer realisierung, in worten wie gedanken - ein niedergeschriebenes kalkül (oder eine ähnliche struktur) dürfte vor demselben problem stehen: der erkaltete prozeß ist nicht der prozeß, wie die worte nicht die bedeutung sind (über die verquickung von sinn/bedeutung und subj. muß ich ja wohl kaum ein wort verlieren) - wenn ich aber wieder ein subjekt brauche, um dem prozeß leben einzuhauchen, wäre es dann nicht eher sinnvoll, das unvermeidliche zu akzeptieren?
am tiefsten geht sowieso die erkenntnis günthers, daß überhaupt strukturen unvermittelt nebeneinander stehen - aber bräuchte es wirklich einer anderen instanz, als der schon lebenden menschen, um in andere strukturen hinüberzudenken?

ich glaube, dies ist ein praktisches problem und nicht zuletzt die unheilsamen gewohnheiten sind es, die aufgelöst werden müssen - gerade auch im wissenschaflichen diskurs (paul lorenzen hat übrigens einige vorschläge zur vermittlung der einzelwissenschaften gemacht (zb in: 'konstruktive wissenschaftstheorie'), die alle ungehört verhallten).

es bedürfte wohl zuerst der praktischen bemühung und erst später der formellen aufarbeitung - aber dies ist wohl eher eine frage, deren beantwortung ich an sie zurück geben muß: wäre es nicht sinnvoller, wenn der wissenschafter (als lebendiges wesen, nicht transz.subj. o.ä.) mit den schon bestehenden methoden arbeitet (und das tut er ja sehr gut, oder), in die lebenswelt zurückkehrt, reflektiert und diese reflexion wieder in die forschung mitnimmt?
benötigt  es da wirklich der formalisierung?

Mail Matzka an Ebner, 18. 1. 2011

Lieber Herr Ebner,

so furchtbar asymmetrisch wird das zwischen Ihnen und mir wohl nicht sein. Ich habe Mathematik und Volkswirtschaftslehre studiert und in beiden Fächern promoviert, und ich habe im Rahmen meines Mathematikstudiums auch vier Semester Physik gehört. Geisteswissenschaftlich bin ich ziemlich unbeleckt, mit Ausnahme dessen, was ich mir - über sehr steiniges Gelände - angelesen habe. Und ich bin absolut kein Vielleser. Darin unterscheide ich mich auch sehr von Karl-Heinz Brodbeck. Schleiermacher habe ich zum Beispiel überhaupt nicht gelesen.


"Zirkel des Wissens" habe ich gelesen, in "Zeit und Wissen" habe ich viel geschmökert, aber nicht von vorn bis hinten gelesen, Aufbau der Physik habe ich ganz gelesen, teilweise mehrmals. Den "Blick auf Platon" habe ich gestern bestellt, "Moral und Ethik" habe ich heruntergeladen. Ich werde auf die betreffenden Punkte Ihrer Nachricht antworten, wenn ich beide gelesen habe.

Für jetzt will ich nur kurz auf Ihre Bemerkungen zu Gotthard Günther eingehen.
Von Günther habe ich das meiste nicht verstanden, von dem was ich verstanden habe, fand ich einiges genial, anderes schlichten Unsinn.

Ich weiß nicht, wie die Nachfolger dessen, was wir heute Computer und Internet nennen, sich in hundert oder zweihundert Jahren anfühlen werden. Sicher scheint mir nur eines zu sein: wenn die Informatik (und unsere Kultur insgesamt) weiterhin ausschließlich auf Identitätsstrukturen setzt, werden es weiterhin nichts anderes als Instrumente zur Manipulation von Irgendwas oder Irgendjemand und zur Ablenkung von den wichtigen Lebensfragen sein. Wenn unsere Kultur hingegen dahinter kommen sollte, dass sie seit Jahrtausenden der Illusion der Identität aufsitzt, und wenn sie lernt, kommunikative Medien und Strukturen zu entwickeln, die jenseits des Identitätsprinzips operieren, dann bin ich mir dessen nicht mehr ganz so sicher. Die Rede vom lebendigen Gedanken und den toten Schriftzeichen ist doch auch nur ein dualistisches Denkmuster.

Ich sehe das so, dass das Günther'sche Projekt ohne eine Fundierung durch die buddhistische Philosophie überhaupt nicht möglich ist. Wir Menschen müssen lernen, uns von den Begrenzungen der dualistischen Logik zu befreien, unser Denken und Handeln für eine Vielheit von logischen Orten zu öffnen. Das ist nicht möglich ohne die Entwicklung von Weisheit und Mitgefühl. Aber wenn wir das gelernt haben, dann müssen wir dafür auch wieder formale Strukturen finden, welche die neu gewonnenen Denk- und Handlungsformen stabilisieren und kulturell-koordinativ wirksam werden lassen, und das müssen Formen jenseits des Identitäsprinzips sein. Eine Kultur kann sich ohne formale Regeln nicht organisieren. Und wenn wir so weit sind, dann kann man daran denken, solche Strukturen auch wieder technisch zu realisieren. Und dann werden "Computer" und "Internet" sich gewiss anders anfühlen, als sie es heute tun. Was die Reihenfolge betrifft, bin ich also ganz Ihrer Auffassung.

Andererseits ist es natürlich durchaus eine sinnvolle Aufgabe, schon jetzt nach Strukturen jenseits des Identitätsprinzips Ausschau zu halten. Und wenn sich dabei etwas findet, das neue technische Perspektiven eröffnet, bevor es neue kulturell-organisatorische Perspektiven eröffnet, dann sollte man das, denke ich, auch vorantreiben. In diesem Sinne sehe ich zum Beispiel Rolf Kaehrs Arbeiten zur Memristik (http://memristics.com). Rolf Kaehr ist der wichtigste Schüler von Gotthard Günther.

Mail Ebner an Matzka, 18. 1. 2011

lieber hr. matzka!

kähr (und die gruppe k.klagenfurt) kenne ich , mit vordenker.de und einer kleinen veröffentlichung der gruppe begann mein interesse an mehrwertiger logeik, allerdings unter dem vorzeichen, daß ich mich mit luhmanns haarsträubenden fehlauslegungen günthers auseinanderzusetzen hatte (und habermas verdinglichung des diskurses zu einem quasitranszendentalen etwas war dann die andere seite der medaillie).

dies ist auch genau der punkt, an dem ich ihnen (und quasi allem, was sie in ihrem mail geschrieben haben) zustimmen will (und muß):

wir müsseun uns vom gedanken einer (dinglichen) letztbedründung, eines wesens usw, verabschieden, aber nicht von einem lebensweltlichem prozeß, in dem wir unsere ethik aktualisieren - nur das identitätsprinzip läßt uns in dem glauben befanden, daß das eine ohne dem anderen nicht möglich wäre (wir dann aber eben nur namarupa, ein ding, das sich von einem anderen wesentlich unterscheidet, weiterprozessieren).

selbst die wissenschaft kommt mit flow usw. dem meditativen grund des seins näher - findet in ihrem bereich zur offenheit (aber nicht in sie).

dies war ja auch lorenzens gedanke, daß die praktische der theoretischen philo. vorzugehen hätte, weil wir ja immer schon normative elemente in die theorie (auch die logik) bringen, so wertfrei wir die wissenschaft auch denken; nat. denkt günther dies auch, wenn er die dialektik formalisieren will, aber unter anderen vorzeichen (amn denke an sein traktat zur durch den geist "qualitativ veränderten kausalität").

dies heißt nicht, daß die triebfeder der schafftung von entitäten nicht schon in unserer lebenswelt/kultur das denkmuster schlechthin wäre - aber wie sie sagten: dort müssen wir uns davon befreien, dann können wir diese muster auch in der formalisierung , wenn scho nicht vermeiden, so doch in frehiet verwenden.

dies in kürze (zustimmend)!

 

Mail Ebner an Matzka, 18. 1. 2011

 

nachdem prof. brodbeck den lancet-artikel über nahtoderfahrungen

zitiert hat, traue ich mich auch einen weiteren namen ins spiel zu

bringen:

 

ddr. walter von lucadou - parapsychologe von berufes wegen (aber

psychologe und physiker) - mit dieser berufsbezeichnung und diesem

forschungsgebiet hat man sich in der "seriösen" wissenschaft nat. selbst

den todestoß versetzt.

 

wiewohl ich nicht weiß, was ich von parapsychologie halten soll, so weiß

ich immerhin, was ich von ihm als forscher halten kann.

ich sende anbei einen text, den er mir freundlicherweise zur verfügung

gestellt hat.

 

jedenfalls enthält sein büchlein Psyche und Chaos – Neue Ergebnisse der

Psychokineseforschung die kürzesteinführung in die prag. info. die ich

kenne.

Mail Ebner an Matzka, 18. 1. 2011

s.g.hr.matzka!

eingangs bitte ich um nachsicht - gemeinhin pflege ich meine diskussion nicht so zerstreut (in mehrerlei bedeutung) zu führen.

allerdings habe ich gestern bis um 3h früh einiges des regen meinungsaustausches zwischen ihnen und prof. brodbeck geistig konsumiert - sollte ihr versuch der formalisierung also in die richtung gehen eine formale struktur zu definierren, die in den unterschiedlichen  einzelwissenschftlichen bereichen (materialiter) strukturgleich auftauchende täuschung zu präzesieren, dann bin ich auf das ergebnis ebenfalls sehr gespannt.

auf der page http://www.rudolf-matzka.de/dharma/kh-r-040408.htm andererseits stieß ich auf einen passus (oder dero mehrere - 4.2, 4.5 und 4.6), deren inhalt mir schon im zirkel (s.455f) zu den dunkelsten zählte.
wiewohl ich wie jeder an meinem eigenen karma kaue (also in den gewohnheiten denke, die meine begriffe strukturieren und die gewohnheit geht ja dem bewußtsein voraus), so - oder gerade deswegen- fällt es mir schwer den gedanken nachzuvollziehen, der da gesponnen wird.
vor allem - das ist zwar der witz am kognitiven der natur, aber dennoch fällt das umdenken schwer - kommt es mir vor, als prozessiere sich da abwechselnd eine metaphysische mit einer sozialen kategorie und ich weiß teilweise beim lesen nicht, wo im denkprozeß ich gerade bin.

als gelernter westeuropäer fällt es schwer so zu denken (es fällt mir aber auch ebenso schwer (vulgär-)materialistisch zu denken), so laufe ich eben immer gefahr in das denkmuster (das aber ebenso undenkbar ist) eines relativismus zu verfallen. dies ist dann ihrem satz von ihrer meditation über die kerze in ihrem brief an ihren philo.lehrer ähnlich.
und da interessiert mich ihre formal/naturwissenschafliche meinung nat. besonders.

Mail Matzka an Ebner, 20. 1. 2011

Lieber Herr Ebner,

die Diskussionen mit khb, auf die Sie sich beziehen, liegen schon einige Jahre zurück und sind mir nicht mehr ganz präsent. Ich erinnere mich, dass ich immer wieder große Schwierigkeiten mit den brodbeckschen Formulierungen hatte. Geprägt durch meine mathematische Erziehung kann ich, im Sinne von Wittgenstein, nur dasjenige denken, was ich klar und einfach denken kann.

Legt man die buddhistische Apoha-Theorie der Sprachbedeutung zugrunde (nachzulesen in Brodbecks "Buddhismus interkulturell gelesen"), dann sieht man, dass es schlichtweg unmöglich ist, über irgend etwas Wirkliches sinnvoll zu sprechen. In meiner Terminologie liegt das daran, dass unsere Begriffe die Merkmale der Identität aufweisen (nämlich Einheit, Unterschiedenheit und Dauer), während unsere Erfahrungen mit der Wirklichkeit ausnahmslos keines dieser Merkmale aufweisen (jedenfalls dann nicht, wenn wir sehr strenge Maßstäbe anlegen). "Referenz" oder "Bedeutung" eines Begriffes würde also eine Beziehung zwischen etwas Identischem und etwas nicht-Identischem herstellen. Das muss schief gehen, und wenn wir es doch tun, weil es ja häufig einigermaßen funktioniert, dann machen wir einen Fehler, und begeben uns in eine illuisionäre Bewusstseinslage, in der wir alle Elemente unserer Erfahrung für identisch halten.

Das kann man nun, als guter Buddhist, kritisieren, überall wo man es vorfindet. Das ist heilsam und höchst notwendig, und es ist das, was khb unermüdlich tut. Das Problem dabei ist nur, dass man als Kritiker sich selbst der Sprache bedienen muss und insofern die gleiche Art von Fehler macht, wie diejenigen, die man kritisiert. Die Situation des Kritikers ist paradoxal oder zirkulär, und das macht es schwer, die Gedanken gerade zu halten, sowohl für den Kritiker wie für den, der die Kritik verstehen möchte. Beide müssen in der Lage sein, ihr Denken im Nicht-Denken zu gründen, sonst kann die Übermittlung der kritischen Gedanken nicht gelingen. Die buddhistische Philosohie hat darin eine lange Tradition.

Ich greife den von Ihnen genannten Abschnitt 4.2 in Brodbecks Diskussionsbeitrag heraus. Wir denken in unserer Tradition das Sein als das Bleibende, bleibend sind aber nicht die Dinge, die wir vorfinden, sondern das  Bleiben der Dinge liegt nur in unserer Vorstellung oder Meinung. Damit ist das Identitätsmerkmal der Dauer angesprochen. Und nicht nur die Dauer der Dinge ist eine mentale Konstruktion, sondern auch ihre Einheit und ihre Unterschiedenheit, und diese Konstruktionen involvieren notwendigerweise einen Plural von Subjekten, und damit kommt das Du in das Sein der Dinge hinein. Nun ist aber natürlich auch die Rede von einem Plural der Subjekte bloße Identitätsrede, in Wahrheit sind zwei Subjekte nicht zwei sondern eines, und in Wahrheit ist ein Subjekt nicht eines, sondern viele, auch die Arithmetik ist eine reine Identitätskonstruktion. Auf der Subjektseite gibt es also erst recht keine Identität, und selbst die Unterscheidung zwischen dem Sein auf der einen Seite und der Subjektivität die das Sein denkt auf der anderen Seite, also die Unterscheidung zwischen dem Außen und dem Innen, ist eine mentale Konstruktion, der nichts Wirkliches entspricht. Der Sinn von Sein ist das, was bleibt, wenn das Ego nicht auf all das achtet, wenn es unachtsam wird. So verstehe ich diesen Absatz.

Mein Zugang ist viel bescheidener. Ich beschränke mich in meiner Kritik auf Theorien, die in der Sprache der Mathematik formuliert sind. Dann habe ich in der deutschen oder englischen Umgangssprache eine Metasprache zur Vergügung, die sehr viel reicher und ausdruckskräftiger ist als die Sprache, die ich kritisiere. Ich kann dann diejenigen Identitätspostulate, welche die Semantik der mathematischen Ausdrücke tragen, in Frage stellen und damit außer Kraft setzen, ohne gleich die Funktionsfähigkeit der Metasprache zu gefährden. Das ist einer von zwei Gründen, warum ich mich auf die Physik als Kritikobjekt spezialisiert habe. Der zweite Grund ist, dass ich die Physik für den wichtigsten tragenden Pfeiler unserer Kultur halte.

Hezlichen Dank für die Übersendung des Texts über eine Verallgemeinerung der Quantenphysik. Ich bin seit langem auf der Suche nach möglichen Verallgemeinerungen quantentheoretischer Strukturen, und ich bin sehr gespannt darauf, das zu lesen. Mit der möglichen Obskurität von Quellen habe ich kein Problem, vor allem dann nicht, wenn die Quellen Anregungen bringen, die mir hilfreich sind.

Mail Ebner an Matzka, 20. 1. 2011

lieber hr. matzka!

ich dachte schon, daß eine diskussion von 2004 ihnen nicht mehr "ganz präsent" sein dürfte - aber es war doch wichtig, daß ich mich ein wenig in ihre gedanken im geinem gedankenaustausch einlese.

den absatz habe ich auch so verstanden, dennoch oszilieren meine gewohnheiten/begriffe dabei ein wenig. es ist einfach schwer und damit meine ich weniger den inhalt, als die trennung von eben seinen gewohnheiten - eine kreative fehlinterpretaion der apoha unter westlichen voraussetzungen zb.: http://www.noologie.de/shunya01.htm . hierin auch ein bezug auf wittgenstein, der aber bei weitem nicht so hellsichtig wie der ihre ausfällt.

was unsere geliebte sprache angeht: die apoha theorie hat ja einige schöne seite (eigentlich nur solche): das subjekt verschwindet nicht aus der welt (oder wird nicht aus ihr verdrängt), sondern gewinnt konstitutive kraft (das hat ja auch schon ein wenig mit bedeutung zu tun), die sprache steht nicht mehr wie ein wegweiser zwischen subjekten und objekten (und damit fällt dann auch die traditionelle schwierigkeit sie in einen dieser bereiche einzuordnen. langue oder parole, oder doch gleich nur language? soviel ich weiß gibt es da bei den mathematiker ja entsprechungen und ganze schulen, die sich mit ihren ansichten zur unendlichkeit bekämpfen).

zur eigentlichen (negativen) bedeutungstheorie: da die apoha gleich auf entitäten geht (svabhava vermeidend) und diese quasi bindet fallen ja welt und denken/sprache nicht mehr wirklich auseinander - im "positiven" bezug auf etwas in der welt wird ja darauf hingewiesen, daß dies den schein der identität erst erzeugt, der vor der benennung gar nicht möglich war (ich kann mich nur auf eine wesen von irgendwas beziehen, dies kommt ihm aber von sich aus nicht zu, also existiert es auch erst, nachdem ich es benannt habe - das klingt zirkulär, beschreibt aber recht gut unser erzeugen von entitäten(zdw 218, fn 181).  ich sehe das aber gar nicht so schlimm, setzt man das in bezug zu brodbecks gedanken über die metaphysik (als denk- und handlungsmodell) ist dies zumindest ein gegengift zu aristoteles verdinglichter wirklichkeit (als handelnder natur - unser handlungsdenken tut "der" natur ja auf zweierlei art gewalt an, indem wir sie anthropomorph denken und sie dann auch noch, meist rücksichtslos, "be-handeln").

also als ausdruck der relativen wahrheit (und als pragmatiker genügt mir diese im alltag, nicht in religion und mystik) taugt unsere sprache ja, daß wir sie nie von der täuschung reinigen können, also absolute wahrheit ausdrücken, daß ist eben eine aufgabe. ein auftrag an unsere redlichkeit, das mittel mit seinen beschränkungen bewußt zu verwenden. und das gilt dann ja wohl auch für die metasprache, wobei ich den versuch der festlegung einer othosprache begrüßen würde., die dann zwar denselben beschränkungen unterworfen wäre und - entgegen der meinung derer proponenten - sicher auch nicht zirkelfrei, aber diese wenigstens bewußt durchschritten hätte.

insofern kann ich ihnen nur nochmals lorenzens "einführung in die konstruktive wissenschaftstheorie" nahelegen.

Mail Ebner an Matzka, 20. 1. 11

unter redlichkeit verstehe ich (und verstand lorenzen) zb auch, keine entitäten einzuführen, die "die unendlichkeit" in einem zeichen benennen (wie ich es selbst gerade tat ;-) ) und dann zu verwenden, als könne man über diese (zuerst nur als zeichen, dann aber stillschweigend irgendwann doch auch als bezeichnetes) verfügen.

die apoha vermeidet derartiges ja, indem derartige begriffe, dort wo sie unsinn bedeuten würden als unsinn ausgewiesen werden und das erinnert ein wenig (und jetzt lehne ich mich weit aus dem fenster) an die unschärferelation, die es (noch dazu formal) geschafft hat, dort wo die klassischen begriffe unsinn erzeugen würden ihre verwendung im klassischen sinn nicht mehr zuzulassen.

Mail Matzka an Ebner, 21. 1. 11

Lieber Herr Ebner,

gerade habe ich meinem Internet-Auftritt ein neues Gesicht gegeben, und für die philosophische Eröffnungsseite habe ich einen kurzen Text geschrieben. In absehbarer Zeit werde ich auch auf der Diskussionsseite neue Inhalte einbringen (einschließlich einer redigierten Fassung unseres Mail-Austauschs, wenn Sie nichts dagegen haben).

Im Großen und Ganzen kann ich Ihnen nur zustimmen, und vielleicht sollte ich wirklich den guten alten Lorenzen mal wieder lesen. Nur mit Ihrem letzten Absatz bin ich nicht ganz glücklich. Es ist die in Klammer vorgeschlagene Trennung: Alltag hier, Religion und Mystik dort, die mich einhaken lässt. Wir haben nur diese Sprache, also müssen wir uns mit ihr begnügen, nicht nur im Alltag, sondern auch in Religion und Mystik. Und diese Sprache taugt in der Tat auch für Religion und Mystik sehr gut, wie die prall gefüllten Bibliotheken der buddhistischen Philosophie uns beweisen. Es kann nicht darum gehen, die Sprache zu reinigen, aber wir können uns selbst reinigen, auf dass wir unsere Erfahrung nehmen wie sie ist, anstatt sie, wie wir es normalerweise tun, durch die Anwendung schlechter Gewohnheiten zu verfälschen, seien das nun sprachliche Gewohnheiten oder andere. Und auch das gilt sowohl für Religion und Mystik als auch für den Alltag. Form ist nichts anderes als Leerheit, und Leerheit ist nichts anderes als Form, heißt es im Herz-Sutra. In diesem Sinne ist Religion und Mystik nichts anderes als Alltag, und Alltag ist nichts anderes als Religion und Mystik.

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem befreundeten Physiker. Ich habe versucht ihm deutlich zu machen, dass es neben der objektiven Wahrheit der Physik auch noch eine andere Art von Wahrheit gibt. Da er stark christlich engagiert ist, hat er das sofort eingesehen und hat die Wahrheit des Glaubens als Beleg gebracht. Er hat sogar zugegeben, dass diese andere Art von Wahrheit, die nicht-objektive, für unser Leben wichtiger ist als die objektive Wahrheit. Und dann hat er mich gefragt: Aber was, um alles in der Welt, soll diese andere Art von Wahrheit mit Physik zu tun haben? Hier zeigte sich die Trennung von Wissenschaft und Religion wieder einmal sehr klar. Das Besondere an der buddhistischen Wahrheit ist, dass sie nicht von den Wahrheiten des Alltags oder der Wissenschaft zu trennen ist. Wäre es anders, dann würde ich meine Bemühungen sofort einstellen.

Mail Ebner an Matzka, 21. 1. 11

Sie haben recht, das war ungeschickt ausgedrückt, aber ich habe hier wieder eine weizsäckerische denkform übernommen.
wiewohl er sich gegen hierarchien im denken ausdrücklich wendet, so hat er doch auch die interessante denkart der 3 "eifeltürme" in zuw, die einander ausschließen, aber ohne einander auch nicht sein können: theorie, praxis und kunst (welche überrauschung).

der witz ist eher, wie aus den 3 ursrünglich direkt ineinander verwobenen und aufeinander bezogenen bereichen (in urteil, affekt und handlung - diese 3 bereiche, oder wenn man es so sehen will, dieser bereich vor seiner 3teilung ist noch direkt mit der sinneswahrnehmung diese leitend verbunden (auch hier also: keine reinen sinnesdaten). durch fulguration entstehen jeweils ebenen darüber, die die "unteren" zwar als eben der refelxion) überhaupt erst bezeichenbar machen, aber auch zu deren auseinanderfallen beitragen, quasi als schattenseite der reflexion.
über faktisch-wahr, nützlich und angenehm (kurz: zweckrational) kommt man dann zum gerechten, zum theoretisch-wahren und zum schönen - diese bereiche (praxis, theoria, poiesis) stehen vor allem in unserer hypertrophen kultur dann, was ja empirisch durchaus evident ist, in einem gewissen spannungsverhältnis.

bezogen auf religion ist auf s.423 zu lesen, daß - und nun komme ich wieder auf den punkt zurück - diese quasi die 4. stufe darstellt, aber nur als religiöse erfahrung.
diese hat ehedem die verlorene einheit der 3 bereiche hergestellt - dies ist dann wohl jene nicht-trennung von alltag, mystik, etc.

als religion aber, so wie sie die bibliotheken füllt aber, da versucht sie von stufe 3 (theorie) her die integrative stufe 4 zu verstehen und erkären, was diese dann denaturiert (brodbecks text zur metaphysik nuanciert anders, zeigt aber auch darauf, was die theologie gott mit seiner "erklärung" angetan hat).

ich pers. kenne nur das gefühl im alltag, wenn kurz das ergreifen fehlt, man direkt in der wahrheit ist - leider kann ich nicht meditieren.

bezogen auf meine flüchtige erfahrungen muß ich ihren freund (unbekannterweise) aber fragen: was hat dies wahrheit nicht mit der anderen zu tun?

Mail Ebner an Matzka, 23. 1. 11

s.g.hr. matzka!

das ist nun eine frage an den natur- (oder naturwissensschaftlich geblideten formal-) wissenschafter, gerade weil sie ja das identitätsprinzip quasi (ich widerspreche nicht!) als triebfeder westlichen (auch nat.wiss.) denkens sehen.

ein mir schon immer etwas unverständlicher terminus war der der ununterscheidlichen teilchen, gerade weil mir vorkam, daß hier die identität nach belieben (pragmatisch) in die phänomene hineinkonstruiert, aber auch wieder aufgegeben wird.

um eine gesamtwellenfunktion zu berechnen muß ich ja zwangsweise die unterschiedlichen einteilchenzustände berücksichtigen (das wäre dann ja wohl per se ein kriterium der unterscheidung), damit mir statistisch dann aber nicht (durch austauschentartung) eine ausufernde anzahl der systemzustände droht, werden die teilchen für diesen zweck ununterschiedbar (aber auch nicht so richtig, denn die fermionen dürfen ja keines für sich denselben einteilchenzustand einnehmen).

die identität ist also wieder eher ein logische, da sie sich auf die permutation des inhaltes einer menge bezieht.

oder reicht mein verstand da nicht weit genug?

Mail Matzka an Ebner, 23. 1. 11

Sehr geehrter Herr Ebner,

ich sehe das so, dass Identität immer ein Hybridkonstrukt aus objektiven und subjektiven Beiträgen ist. Anders ist Identität nicht zu haben. In manchen Fällen ist der objektive Beitrag groß und der subjektive weniger groß, in anderen Fällen ist es umgekehrt. Da gibt es viele graduelle Abstufungen. Wenn ich die Wahrnehmung habe, dass ich auf etwas sitze, dass meine Arme auf zwei Lehnen aufliegen, dass mein Rücken sich an etwas anlent, wenn ich dann aufstehe und jene Form vor meinem Schreibtisch stehen sehe, wenn ich dann diese Form nehme und vom Fenster zum Schreibtisch stelle, undsoweiter, dann gibt die Gesamtheit dieser Wahrnehmungen und Handlungen mir Gelegenheit und Anlass zur Konstruktion einer (Id-)Entität, die ich "mein Schreibtischstuhl" nennen kann, oder, weil ich ihn so liebe, nenne ich ihn vielleicht "Ella". In diesem Fall ist der objektive Beitrag ziemlich groß, mein eigener Beitrag nur relativ klein. Wenn ich auf der anderen Seite einen Elektronenstrahl habe, diesen durch eine Stern-Gerlach-Apparatur schicke und durch einen Satz von Detektoren vermesse, und wenn ich dann ein bestimmtes Klick-Ereignis eines der Detektoren herausgreife und sage "dieses Elektron interessiert mich besonders! Ich nenne es Elli!", dann ist der objektive Beitrag relativ klein, nämlich nur ein einziges Klicken, und der subjektive Beitrag sehr groß, indem ich nämlich zu dem einen Klicken ein dauerhaftes Etwas hinzuphantasiere, das ich "dieses Elektron" oder gar "Elli" nenne.

Wir interagieren ja mit einem Mikroteilchen nie mehr als ein einziges mal, deshalb können wir über einzelne Teilchen so gut wie gar nichts aussagen. Sinnvolle Aussagen können wir nur über Makro-Objekte oder Ensembles machen, z.B. über einen Elektronenstrahl. Wir tun das, indem wir die Statistik der Interaktion des Strahls mit unserem Detektorensystem beschreiben. Nun geht es darum, diese statistische Beschreibung theoretisch zu begründen, und zu diesem Zweck stellen wir uns vor, der Strahl bestünde aus Teilchen, man könne jedes Teilchen durch einen Zustand beschreiben, und dann könne man den Zustand des Strahls aus den Zuständen der Teilchen berechnen. Das funktioniert jedoch nicht. Aber etwas anderes funktioniert: Wenn wir darauf verzichten, den Teilchen volle Identität zuzuschreiben, insbesondere wenn wir auf das Merkmal der Unterschiedenheit verzichten, dann können wir die gewünschte Berechnung vornehmen, und zwar in zwei unterschiedlichen Varianten (Bosonen und Fermionen), die Sie ja schon beschrieben haben.

Ich versuche es nochmal anders zu sagen. Das Teilchen oder Mikro-Objekt ist ein gedankliches Konstrukt, errichtet über der objektiven Erfahrung mit einem Strahl oder Makro-Objekt, das als Hilfsmittel taugt, um das statistische Verhalten des Makro-Objekts zu berechnen. Dieses gedankliche Konstrukt würde dazu aber nicht taugen, wenn wir es mit allen drei Identitätsmerkmalen (Einheit, Unterschiedenheit, Dauer) ausstatten würden. Vielmehr müssen wir mindestens das Merkmal der Unterschiedenheit weglassen. Der empirische Befund legt also die Konstruktion von zwei Varianten partieller Identität der Teilchen nahe, erlaubt jedoch nicht die Konstruktion der vollen Identität der Teilchen.

Wenig bekannt ist übrigens, dass ein ähnliches Problem schon in der klassischen statistischen Mechanik auftritt. Es gibt in der kinetischen Gastheorie ein Paradox, das Gibbs-Paradox, dessen Auflösung es nötigt macht, dass Entropie eine extensive Größe ist. Dazu muss man bei der Berechnung der Entropie einen Faktor 1/n! einzuführen, was nichts anderes bedeutet, als dass man bei der Zählung der möglichen Mikrozustände solche Zustände, die durch Vertauschung von Molekülen entstehen, zu jeweils einem einzigen Zustand zusammenfasst. Dies führt von der Boltzmannschen Entropieformel zur Sackur-Tetrode-Formel. Auch die thermodynamischen empirischen Befunde mit einem Gas lassen nicht die Konstruktion von vollständiger Identität für die Moleküle zu! Man kann das nachlesen im Beitrag "Gibbs-Paradox" im englischsprachigen Wikipedia.

Mail Ebner an Matzka, 23. 1. 11

lieber hr. matzka!

wieder einmal danke für ihre ausführliche antwort!

teile ihrer antwort kannte ich ja (implizit) ja schon aus dem sehr interessanten (aber mir mangel genügender vorkenntnis nat. nicht zu 100% nachvollziehbaren)  mailverkehr mit D. - ich freue mich, daß wir da inhaltlich relativ d'accord gehen.

das gibbsche paradox kannte ich, es hatte mich überhaupt erst auf den sachverhalt gebracht, dennoch danke für den hinweis.

ja, das ergreifen von entitäten und die von ihnen angesprochenen 3 hilfskonstruktionen erzeugen identität - in allen bereichen, eben auch der physik, aber es liegt mir am herzen, trotzdem nicht den hanebüchsten unsinn zu verzapfen - das ergreifen darf (auf mich bezogen!) nicht zur ausrede für ein anderes unwissen werden.
 
Mail Ebner an Matzka, 1. 2. 11

s.g.hr.matzka!

was Ihren brief an ihren philosophielehrer betrifft: auch innerhalb der sozail- und geisteswissenschaften ergeht es einem nicht anders - ich meine, daß man durch (hinter-)fragen und erläuterungen unangenehm auffällt und stört.
ich bin zwar erst 37 jahre alt und schon deswegen werde ich (ancienneté...) nicht ernstgenommen - aber auch gleichaltrige kauen lieber bekanntes durch und bestätigen sich gegenseitig, als fragwürdige grundannahmen zu hinterfragen.
da reicht es einfach phänomenologisch oder (linguistisch-)semiotisch zu argumentieren - man muß noch gar nicht mit apoha oder ähnlichem kommen, um zu stören.
gewohnheiten sind nicht einfach nur verblendung, sie sind handlungsentlastend und kein lahmer trennt sich freiwillig von seiner krücke (oft selbst dann nicht, wenn man ihm eine schwere genesung in aussicht stellt).

Mail Matzka an Ebner, 5.2.11

Sehr geehrter Herr Ebner,

in der Tat, da haben Sie einiges vor, wenn Sie phänomenologische oder semiotische Argumentationsweisen in die Sozialwissenschaft einbringen möchten, ganz zu schweigen von der Apoha-Theorie der Bedeutung. Es wird mir bei meinen wissenschaftlichen Bemühungen immer wieder schmerzlich bewusst, wie schwierig es ist, gewisse Einsichten, die man vielleicht selbst gewonnen hat, anderen Wissenschaftlern nahezubringen. Gerade wenn es Einsichten sind, deren Inhalt eine Kritik von herrschenden wissenschaftlichen Ansichten oder Praktiken einschließt. Meine ökonomische Dissertation (Titel: Struktur und Interpretation der elementaren Nutzen- und Verhandlungstheorie) hat zwar die Note Magna cum Laude bekommen, aber von dem Buch wurden genau 11 Exemplare verkauft. Nur eine einzige telefonische Reaktion habe ich bekommen von jemandem, der sie tatsächlich gelesen hat und sie gut fand. Das ist natürlich in erster Linie meiner damaligen Unfähigkeit, allgemeinverständlich und interessant zu schreiben, zuzurechnen, aber es steckt auch ein System dahinter. Sie sagen es ja ganz richtig: Man will es nicht wissen, man hält sich lieber an das Bekannte und Gewohnte.

Was folgt daraus für uns nachdenkliche Wissenschaftler mit Hang zum Buddhismus? Ich denke sehr viel nach, über Physik, über buddhistiche Philosophie, und wie das alles miteinander zusammenhängt, und immer wieder frage ich mich: was ist das eigentlich, nach dem ich suche? Und wenn ich es gefunden habe, wie kann ich es so ausdrücken, dass die Menschen es interessant und lesenswert finden und womöglich etwas daraus lernen, was ihnen hilfreich ist? Und immer wieder führt mich diese Art zu fragen zu ein und derselben Antwort: das, was ich suche, ist die unverhüllte Wahrheit im Sinne von Nagarjuna Kap. 24, mit anderen Worten, ich suche Erleuchtung oder Erwachen, denn nur dann kann ich für andere Wesen uneingeschränkt nützlich sein.

Und wenn ich so weit bin, dann höre ich meistens mit dem Nachdenken und Lesen und Schreiben auf und setze mich auf meinen Meditationshocker, um das Kreisen meiner Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen und um herauszufinden, was gerade jetzt wirklich wichtig ist. Es gibt keinen anderen Weg, dem Abendland aus seiner Krise herauszuhelfen, als mich selbst genau kennen zu lernen, herauszufinden wie ich mich selbst zu überlisten pflege, meine schlechten Angewohnheiten furchtlos anzusehen und hinter mir zu lassen, immer wieder und immer wieder. Die buddhistische Philosophie kann mir dabei helfen, meine theoretischen Vorstellungen über die Wirklichkeit zu überprüfen und ggf. hinter mir zu lassen, insbesondere die theoretische Vorstellung von der Existenz eines Ich, das angeblich irgendwo in unserem Körper residiert und die Wahrnehmungen dieses Körpers koordiniert und die Handlungen dieses Körpers steuert. Die An-Atta-Lehre ist der Schlüssel zur buddhistischen Philosophie, und die Erfahrung des Nicht-Denkens ist unentbehrlich, wenn wir uns selbst furchtlos erforschen wollen und wenn die Einsicht in das Nicht-Ich mehr sein soll als nur ein Glaube oder nur eine theoretisch begründete Überzeugung.

Kurz gesagt - Ihre beiden Projekte sind untrennbar miteinander verbunden: 1. das Projekt die Sozial- und Geisteswissenschaften von ihren dogmatischen Trips herunterzubringen und 2. das Projekt Meditieren zu lernen, sich selbst zu erforschen und bis zur unmittelbaren Einsicht in An-Atta und die Leerheit der Phänomene vorzudringen. Und Sie haben dazu bessere Chancen als ich sie je haben werde, denn Sie sind jetzt so jung wie ich damals war, als ich zum ersten mal mit dem Buddhismus in Berührung kam.

Mail Ebner an Matzka, 5.2.11

s.g.hr.matzka!
 
mit dem buddh. in kontakt bin ich schon seit meiner matura (abitur) in religion (!) - an der uni habe ich viele vorlesungen zu zen und ontologie (kyoto-schule) bei h. hashi gehört.

fr. prof. hashi hat viel mit herbert pietschmann gearbeitet, einem wiener physikordinarius, der auch bücher zu phänomenologie und dialektik geschrieben hat, sowie sich sehr für den pauli-jung-dialog interessiert.

die betreffenden personen haben alle interessante beiträge zur beziehung wissenschaft, westen und buddh. verfaßt, die ich ihnen durchaus nahelegen kann, wobei die beiträge der kyotoschule nat. den makel ver stärkeren verdinglichung tragen, wie es bei dieser anscheinend üblich ist - dafür bieten sie immer wieder eine leicht zugängliche auffrischung der westlichen philosophie.

Mail Matzka an Ebner, 7.2.11

Sehr geehrter Herr Ebner,
 
Die von Ihnen genannten Namen habe ich gegoogelt, und was ich fand war durchaus interessant. Am meisten interessiert mich davon Herbert Pietschmann, da ich immer noch händeringend auf der Suche nach einem guten und philosophisch reflektierten Physiker bin, der zu einer Kooperation mit mir bereit wäre, mit dem Ziel, die Anwendung der buddhistischen Philosophie auf die Physik zu vertiefen und die Konsequenzen dieser neuartigen Betrachtungsweise der Physik bis in die schwierigen Verästelungen der Quantentheorie und der verschiedenen Quantenfeldtheorien hinein zu verfolgen, wo ich mich selbst nicht gut genug auskenne. Meine Erfahrung ist jedoch, dass die Kontaktaufnahme mit solchen Menschen schwierig ist, wenn sie nicht durch einen gemeinsamen Bekannten vermittelt ist, oder wenn es nicht auf anderen Wegen gelingt, ein ausführliches vis-a-vis-Gespräch zustande zu bringen. Schieres Anschreiben an eine Mail-Adresse, die über das Internet zugänglich ist, hat in meinem Fall noch nie zu einer erfolgreichen Kontaktaufnahme geführt. Was natürlich auch daran liegt, dass ich kein wissenschaftliches Renommée besitze, keiner wissenschaftlichen Institution angehöre, nicht einmal ein Buch geschrieben habe, und dass mein Vorhaben nicht leicht in wenigen Sätzen erklärt werden kann.